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Kein Recht auf Blasphemie

Der vor wenigen Tagen in Frankreich stattgefundene grausame Mord an dem Lehrer Samuel Paty ist natürlich ohne jede Entschuldigung zu verurteilen. Der Pädagoge war von einem radikalen Muslim getötet worden, nachdem dieser Tage vorher im Schulunterricht Mohammed- Karikaturen gezeigt hatte, um die westliche Meinungsfreiheit zu illustrieren. Eine muslimische Schülerin hatte sich daraufhin bei ihren Eltern beschwert. Die hatten das aus ihrer Sicht skandalöse Verhalten mit hetzerischen Worten im Internet verbreitet, woraufhin ein fanatisierter, vor einigen Jahren aus Russland eingewanderter Muslim dem Lehrer auflauerte, ihn ermordete, seinem Kopf abschnitt und die Bilder der Tat im Internet veröffentlichte. Der Mord des religiösen Extremisten erregte, wie auch nicht anders zu erwarten, Abscheu und Ablehnung. Gleichzeitig zeigte sich aber auch wieder ein prinzipiell antireligiöser Zug, der für Frankreich typisch ist. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron sprach sich zwischenzeitlich dafür aus, die umstrittenen Mohammed- Karikaturen auch weiterhin in jeder Schulklasse zu zeigen. Sie seien ein unverzichtbarerer Ausdruck französischer Freiheit und Demokratie.

Ich halte den Mord dieses Attentäters ganz grundsätzlich für falsch. Allerdings bin ich auch nicht für ein Recht, sich grenzenlos über religiöse Vorstellungen anderer Menschen lustig zu machen und ihren Glauben zu verspotten. Wenn es in jedem westlichen Staat bestimmte Personengruppen und Überzeugungen gibt, über die in keinem Fall irgendwie negativ geredet werden darf, dann ist es für mich nicht verständlich, weshalb es als Fortschritt angesehen werden sollte, die religiösen Überzeugungen anderer Menschen zu verspotten. Sich mit anständigen Worten und guten Argumenten kritisch zu anderen, auch religiösen Überzeugungen zu äußern, sollte in einem freien, demokratischen Staat selbstverständlich sein.

Schon ohne grobe Provokationen gibt es aber in der öffentlichen Diskussion eine immer weiter zunehmende Rücksichtslosigkeit und verbale Radikalisierung, auch in Deutschland. Das scheinbare Recht, andere in der Öffentlichkeit verspotten und beschimpfen zu dürfen, ist für mich kein besonderer Ausweis von Freiheit und Demokratie. Christen haben sich schon lange daran gewöhnt, dass ihre eigenen Glaubensüberzeugungen immer wieder öffentlich in den Dreck gezogen werden. Zumeist schweigen sie dann, weil man das von ihnen auch so erwartet. Ihre Werte und Ideale hingegen wollen Atheisten gesetzlich geschützt wissen, fordern gleichzeitig aber ein „Recht auf Blasphemie“.  Ich plädiere da eher für ein Recht zum Schutz der Person und ihrer Glaubensüberzeugungen. Man sollte mehr darauf achten, Menschen mit Achtung und Würde zu begegnen, statt für ein Recht auf Verspottung anderer zu kämpfen. Es braucht in Europa mehr Verständnis und Achtung füreinander, nicht weiteren Hass, auch nicht in Form von böswilligen Karikaturen. Selbst eine zuweilen berechtigte Kritik am Islam kann sachlich oder polemisch und entwürdigend geäußert werden. Christen nennen Schwachpunkte, um den anderen zu gewinnen, nicht um ihn zu verspotten.

Wie vielleicht nicht anders zu erwarten, haben Atheisten wie Präsident Macron kaum mehr einen Blick für die Realität. Frankreich werde nicht „auf diese Karikaturen und Zeichnungen verzichten, auch wenn andere sich davon zurückziehen“, sagte Macron. In einem international verbreiteten Statement hob er sein vorgebliches Engagement für „allgemeingültige Werte“ und „absolute Meinungsfreiheit“ hervor. Gleichzeitig ließ er aber alle, die sich in Frankreich öffentlich positiv zu dem Mordanschlag geäußert hatten, zu Gefängnis verurteilen und forderte islamische Staaten auf, die Verspottung ihres Glaubens als „Wert der Freiheit“ zu akzeptieren.

Das marokkanische Außenministerium beispielsweise verurteilte in einer Stellungnahme die weitere Veröffentlichung der „abscheulichen Karikaturen“. Unter keinen Umständen könne die Meinungsfreiheit eine Beleidigung des Islams rechtfertigen. Pakistans Premierminister Imran Khan warf Macron in mehreren Tweets Islamophobie vor. „Präsident Macron hat die Gefühle von Millionen von Muslimen in Europa und auf der ganzen Welt angegriffen und verletzt“, schrieb er zudem.

In zahlreichen überwiegend islamischen Ländern begann zwischenzeitlich aus Protest gegen die staatliche Bewerbung glaubensverachtender Karikaturen ein Boykott französischer Waren. Französische Politiker hingegen wollen solche Kritik nicht verstehen und fordern ein sofortiges Ende der Boykottaufrufe.

(von Michael Kotsch)

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