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Stärken sind auch Schwächen

Es wäre sicher spannend, wenn sich jeder Mensch selbst erschaffen könnte oder zumindest unter gewissen Varianten auswählen, wie beim Kauf eines Autos. Wahrscheinlich würden dann bestimmte Eigenschaften und Kombinationen außerordentlich häufig vorkommen und andere fast gar nicht. Denn wer würde schon gerne hässlich, schwach oder dumm sein wollen. Sicher, je nach kulturellem und geschichtlichem Umfeld würden bestimmte Eigenschaften mehr oder weniger oft gewünscht werden. Zu manchen Zeiten und in manchen Ländern bevorzugte man dunkle oder eher helle Haut, einen schlanken oder eher einen rundlichen Körper. Wenn man nun ganz frei auswählen könnte, dann würden sich wahrscheinlich schon im Kindergarten die Kleinen recht ähnlich sehen; je nach dem gerade vorherrschenden Trend. Irgendwie wäre das dann wahrscheinlich schon wieder langweilig. Schlussendlich würde auch keiner mehr durch irgendetwas hervorstechen, weil alle mehr oder weniger gleich schön und klug sein würden. Diese Eigenschaften wären damit bald auch schon nichts besonders mehr. Sie würden kaum noch auffallen.

Aber wie jeder weiß, kann man sich Eigenschaften zwar wünschen, aber eben nicht selbst zusammenstellen. In gewissem Umfang kann man Aussehen und Fähigkeiten durch Planung und Training natürlich auch schaffen oder zumindest erweitern. Die wesentlichen Eigenschaften aber sind Geschenke. Genetisch gesehen verdankt man sie den eigenen Vorfahren, zumindest solange noch keine Gentechnologen bei der Entstehung des Nachwuchses herangezogen werden. Wer über das rein Materille hinaussieht, der kann Gott hinter den biologischen Faktoren als Schöpfer und damit als Verantwortlichen für die eigenen Fähigkeiten und Begabungen erkennen.

Bei sich selbst und oft auch bei anderen Menschen konzentriert man sich häufig auf die guten Eigenschaften, oder das was man dafür hält. Über die schlechten ärgert man sich zumeist wohl eher. Bei genauerem Hinsehen ist es allerdings gar nicht immer so eindeutig und so einfach, zwischen guten und schlechten Eigenschaften zu unterscheiden. Manche Fähigkeiten entfalten in einer bestimmten Situation ihr besonderes Potential; in anderen können sie sogar schädlich sein. Schlank sein wird von vielen als körperliches Ideal betrachtet. In einer Hungersnot ist aber zweifellos der besser dran, der mit wenig Nahrung gut überlebt. In Deutschland wird eine braune Haut bewundert, in Indien eher die helle. Außerdem haben positive Eigenschaften gewöhnlich auch Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen, die das eigene Leben oder das der Mitmenschen deutlich erschweren können.

Gerade weil man etwas besonders gut kann, weil es einem leicht fällt, steht man in der Gefahr diese Fähigkeit zu übersehen. Weil man so einfach fremde Sprachen lernen oder seinen Körper bewegen kann, schätzt man diese Eigenschaft gering, betrachtet sie als nichts wirklich Besonderes. Das kann dann dazu führen, diese Begabung nicht oder erst spät zu erkennen. So etwas kann auch schnell zu Undankbarkeit führen, weil man sich auf andere Eigenschaften konzentriert, die man gerne hätte, dabei aber die übersieht, die man hat. Meistens schätzt man in einem solchen Fall die Talente höher, auf die man verzichten muss, als die, die man geschenkt bekommen hat.

Mancher erkennt seine Eigenschaften und Fähigkeiten durchaus auch selbst. Weil diese Dinge einem aber so leicht fallen, kann man schnell in die Gefahr geraten, andere zu verachten, denen es eben viel Mühe macht, eine Karte zu lesen oder ein Computerprogramm zu verstehen. Das führt dann leicht zu einer Abwertung anderer Menschen, weil man sich kaum vorstellen kann, wie schwer manche Dinge für weniger Begabte sind.

Wem es leicht fällt zu lernen, der steht auch in der Gefahr, sich vorschnell mit einem Mittelmaß zufriedenzugeben. Der Betreffende vergleicht sich mit den Menschen in seiner Umgebung und stellt fest, dass er den erwarteten Durchschnitt ohne große Anstrengungen erreichen kann. In der Schule und im Studium kommt er damit gut durch alle Prüfungen. Daneben bleibt dann noch viel Zeit für Hobbys und Freunde. Mit etwas mehr Mühe und entsprechendem Zeitaufwand könnte man aber noch viel mehr erreichen, zum eigenen Vorteil und zu dem der Gemeinschaft. In gewisser Weise verpflichten die von Gott anvertrauten Begabungen zu ihrem sinnvollen Einsatz. Wer besonders befähigt ist, kann schnell in Bequemlichkeit fallen, mit der man zwar auch durchs Leben kommt, viel Potential aber verschwendet und schlechter lernt sich selbst zu organisieren; mit negativen Auswirkungen auch in anderen Aspekten des Lebens.

Wer in einem Bereich besondere Fähigkeiten hat, ist schnell dabei das als „normal“, als Standard, zu betrachten. Dann kann es dazu kommen, diese Leistung auch von anderen zu erwarten, denen es aber viel schwerer fällt, ein Buch zu lesen oder eine sportliche Leistung zu vollbringen. In vielen Fällen freut sich der Begabte dann nicht einmal über seine besonderen Fähigkeiten, sondern beginnt all diejenigen zu verachten, die mehr Mühe haben oder nie seine eigene Leistung erreichen.

Manchmal steht man auch in der Gefahr, sich etwas einzubilden auf sein gutes Aussehen oder die musikalische Begabung, obwohl man kaum etwas dazu beigetragen hat. Diese Eigenschaften werden den Menschen nämlich zumeist in die Wiege gelegt. Der Stolze überhebt sich über andere und hält sich für etwas ganz Besonderes. Manchmal fordert er sogar die Anerkennung anderer heraus oder erwartet diese zumindest. Vielleicht hat aber der, der langsamer läuft oder lernt in Wirklichkeit viel mehr Grund sich über seine Leistungen zu freuen, weil er viel Mühe und Zeit in dieses Ergebnis investiert hat.

Alle positiven und negativen Eigenschaften haben natürlich auch Nebenwirkungen, die nicht sofort sichtbar sind. Wer deutlich klüger ist als andere, steht in der Gefahr, seine Intelligenz auch egoistische für eigene Interessen zu missbrauchen. Der Kluge könnte einem weniger intelligenten beispielsweise relativ schnell eine Versicherung oder eine angebliches „Wundermittel“ aufschwatzen, ohne dass der Kunde den Betrug merkt. Die positiv von Gott geschenkte Fähigkeit wird dann nicht im Sinne Gottes und auch nicht im Interesse anderer Menschen benutzt, sondern unmoralisch und egoistisch. Weil einem sportliche Leistungen sehr leicht fallen, kann man auch so viel Energie und Zeit darein investieren, dass man den Körper überfordert und schädigt, bzw. andere notwendige Dinge des Alltags vernachlässigt. Wer besonders hübsch ist, der kann das leicht einsetzen, um sich von anderen Menschen aushalten zu lassen oder häufig die Freunde zu wechseln, weil man sowieso von vielen begehrt wird. Dabei ist dieser Partnerwechsel aus dem Blickwinkel christlicher Ethik höchst problematisch. Außerdem bleiben zumeist viele gebrochene Herzen auf dem Lebensweg zurück, über die man nicht lange nachdenkt, weil noch so viele Menschen einen bewundern und gerne Kontakt möchten. Schnell kann sich hier auch eine bequeme Oberflächlichkeit einschleichen, weil man damit weiter kommt als andere mit Ehrlichkeit und Moral.

Für Christen gibt es verschiedene wichtige Herausforderungen im Umgang mit ihren von Gott geschenkten Begabungen: 1. Zuerst gilt es die eigenen Begabungen zu entdecken und Gott dafür dankbar zu sein. Dabei können gute Freunde helfen, denen die eigenen Fähigkeiten häufig schneller auffallen als einem selbst. Man kann auch darauf achten, was einem besonders leicht fällt. Dahinter verbirgt sich häufig eine besondere Fähigkeit. 2. Gaben Gottes beinhalten immer eine Verpflichtung, diese auch sinnvoll einzusetzen; für den Glauben und für andere Menschen. Christen sollten danach suchen, wie sie ihre Fähigkeiten zur Verherrlichung Gottes und zum Wohl der Gemeinschaft verwenden können. Wer dazu bereit ist, dem wird Gott schon bald geeignete Möglichkeiten zeigen. 3. Begabungen sollten weiter entwickelt werden. Gott will nicht, dass sie verplempert werden oder auf niedrigem Niveau steckenbleiben. Dazu braucht es zumeist natürlich auch Anstrengung und Übung. Dadurch aber kann man seine Fähigkeiten noch deutlich effektiver und umfangreicher einsetzen, sowie sich selbst daran freuen, was man kann und geschenkt bekommen hat. 4. Christen müssen darauf achten, sich nie an ihre besonderen Begabungen zu gewöhnen und dann vielleicht sogar undankbar oder neidisch auf andere Fähigkeiten zu werden. Die enge Bindung an Gott bewahrt dann auch davor, stolz zu werden oder von seiner Begabung zu einem unmoralischen Verhalten verführt zu werden.

(von Michael Kotsch)

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