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Ukraine. Mehr Waffen!?

Jede Generation ist fest davon überzeugt, ganz an der Spitze einer aufwärtsstrebenden gesellschaftlichen Entwicklung zu stehen. Natürlich meint man die Fehler früherer Zeiten nun endgültig erkannt und auch überwunden zu haben. Heute ist man mutmaßlich erheblich freier, großzügiger, toleranter, klüger und fortschrittlicher. – Mit einer solch positiven Selbsteinschätzung lässt es sich natürlich gut leben. Schaut man aber genauer hin, dann halten sich positive und negative Entwicklungen zumeist die Waage. Ein auffälliger Unterschied besteht natürlich darin, dass man die Fehler der Vergangenheit zumeist leichter erkennen kann als die der Gegenwart in der man selbst lebt. Einerseits hat man die deutlich negativen Folgen früherer Fehler deutlicher vor Augen. Außerdem sind es eben zumeist die Fehler einer Generation, von der man sich sowieso  gerne abheben will.

Momentan fehlt wieder einmal nicht viel und man würden gerne selbst aktiv in den Krieg zwischen Russland und der Ukraine eingreifen. Die moralische Empörung ist groß und die Schuldigen scheinen unzweifelhaft festzustehen. Wie schon vor vielen anderen Kriegen, so fühlt man sich auch heute wieder moralisch und militärisch eindeutig überlegen. Wer Geschichte aber nicht nur zur oberflächlichen Abgrenzung benutzt, der wird gegenwärtig z. B. an Szenen zu Beginn der napoleonischen Kriege, des Ersten und Zweiten Weltkriegs, sowie des Vietnamkriegs erinnert. Auch damals war man fest davon überzeugt, im Namen von Recht und Gerechtigkeit aufzutreten. Der Krieg schien vielen als das deutlich kleinere Übel. Die meisten Menschen hatten Krieg nie selbst erlebt oder ihre Erinnerungen bereits sorgsam weggesperrt. In einer aufgeheizten Atmosphäre gab es kein sorgsames Abwägen mehr. Jedem, der vor Krieg warnte, wurde Angst, Feigheit, Gefühllosigkeit, die Duldung von Ungerechtigkeit und ähnliches mehr unterstellt.

Wieder einmal gibt es heute Krieg in Europa; nicht zum ersten und ganz sicher auch nicht zum letzten Mal. Diesmal wurde die Ukraine von seinem Nachbarn Russland überfallen. Ganz im eigenen Interesse fordert die ukrainische Regierung nun eine möglichst aktive Unterstützung benachbarter, westlicher Staaten. Am liebsten würde man Polen, Deutschland und den Rest der EU in den aktuellen Krieg verstricken. Sehr bald befände man sich dann in einem ähnlichem Szenario wie zu Beginn des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Man sollte nicht unterschätzen, dass auch Russland in einem solchen Fall schon bald eigene Verbündete finden würde und sich schlussendlich immer mehr Staaten feindlich gegenüberstünden.

Im Gegensatz zu Teilen ihrer Bevölkerung scheuen die meisten westeuropäischen Regierungen bisher allerdings vor einer eigenen Kriegsbeteiligung noch zurück. Und doch positioniert man sich zwischenzeitlich mit wirtschaftlichen Sanktionen, politischen Drohungen und immer umfangreicheren Waffenlieferungen deutlich. Der Schritt hin zum eigenen Kriegseintritt wird damit immer kleiner. Natürlich kann man vollkommen richtig argumentieren, dass die Ukraine in die Lage versetzt werden müsse, sich gegen den Angriff Russlands zu wehren. Dafür braucht das Land zweifellos viele und ganz besonders effektive, das heißt tödliche Waffen. Das war zu allen Zeiten die Argumentation der Militaristen und der Waffenhersteller. Dabei werden die negativen Folgen jedes Krieges allerdings systematisch heruntergespielt.

Obwohl wir heute den Einsatz der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg grundsätzlich als positiv bewerten, darf man nicht vergessen, das damals auch durch amerikanische Waffen Millionen Menschen ihr Leben verloren haben, zahlreiche Städte zerstört, Kulturdenkmäler vernichtet und umfangreiche Umweltschäden angerichtet wurden. Auch die von den „Guten“ benutzen Waffen töten und zerstören. Und dabei treffen sie natürlich nicht nur die mutmaßlich Schuldigen, sondern alle, die gerade im Weg stehen.

Bei größeren militärischen Konflikten der jüngeren Vergangenheit wie in Syrien, in Afghanistan oder im Libanon haben Waffenlieferungen nur selten zu einem schnellen Sieg oder zu einer Schonung der Bevölkerung geführt. Zumeist wurden diese Kriege durch Waffenlieferungen endlos ausgedehnt und führten schlussendlich zu immer mehr Zerstörung und mehr Todesopfern. Selbst nach der Beendigung des eigentlichen Kriegs haben diese Länder noch Jahre oder sogar Jahrzehnte an den Folgen dieser Schäden zu leiden; selbst wenn die mutmaßlich „Bösen“ zumindest zeitweilig besiegt wurden. Auch wenn es politisch unkorrekt klingt, würden die meisten Menschen es vorziehen am Leben zu bleiben und in ihrem unzerstörten Haus unter russischer Verwaltung zu leben, als zu sterben oder jahrelang in den Trümmern ihres Hauses wohnen zu müssen. Der Wert verschiedener politscher Freiheiten wird von Kriegsopfern eben durchaus unterschiedlich bewertet.

Ganz gleich was man auch macht oder eben nicht macht, es wird immer negative Folgen haben. Viele überschätzen die Möglichkeiten eines militärischen Eingreifens dabei aber erheblich. Derzeit lässt sich eben noch nicht zuverlässig abschätzen, ob die meisten Menschen in der Ukraine langfristig mit mehr oder mit weniger Waffen besser fahren. Aufgrund zahlreicher historischer Erfahrungen sollte man sich aber davor hüten, Waffenlieferungen generell als den besseren oder sogar als den einzig geboten Weg zu betrachten.

Realistisch gesehen haben Waffen nur selten wirklich zu Frieden und Sicherheit geführt, wie es in negativer Weise die großen Militärdiktaturen deutlich zeigen oder die Länder mit verbreitetem privatem Waffenbesitz. Auch hier wird gerne argumentiert, dass der friedliebende Bürger sich doch gegen bewaffnete Verbrecher wehren können müsse. Faktisch aber gibt es trotz dieser Scheinlogik in allen Ländern mit vielen privaten Waffen keine größere Sicherheit, sondern ganz im Gegenteil mehr Morde und mehr Gewalt. Die gegenwärtig äußerst desolate Lage in Afghanistan, Syrien und im Jemen ist ganz wesentlich durch Waffenlieferungen ausländischer Staaten hervorgerufen und gefördert worden.

Natürlich wäre es unsinnig, aufgrund dieser Beobachtungen die Legitimität von Polizei und Armee ganz generell infrage zu stellen. Diese haben vor allem die Aufgabe, den normalen Bürger vor den Übergriffen kleinerer Verbrecher und Gewalttäter zu schützen. Wenn die Erhaltung des Staates aber nur durch die Vernichtung eines Großteils des Besitzes und sehr zahlreiche Todesopfer möglich ist, dann gibt es im Interesse der Bevölkerung auch berechtigten Zweifel am Einsatz des eigenen Militärs. Das Ziel der staatlichen Gewalt ist eben nicht die unbedingte Erhaltung eines politischen Systems, sondern das prinzipielle Wohl der Bürger. Wenn zwischenzeitlich etwa 10 % der ukrainischen Bevölkerung ihren Staat bereits verlassen haben, mehr als 20 % innerhalb des Landes auf der Flucht sind und zahlreiche Städte großflächig zerstört wurden, dann stellt sich immer stärker die Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Das sagt umgekehrt natürlich nichts aus über die moralische Beurteilung des russischen Überfalls auf die Ukraine. 

In der Diskussion um den Krieg in der Ukraine braucht es entschieden mehr politische Optionen. Man sollte sich verstärkt Gedanken machen über alternative Formen der Auseinandersetzung, auf Partisanenstrategien, auf Cyberangriffe, zivilen Ungehorsam usw. Vielleicht würden diese Maßnahmen am Ende weniger Tote und weniger Zerstörung fordern. Gerade Gandhis friedlicher und durchaus erfolgreicher Kampf für die Unabhängigkeit Indiens oder Martin Luther Kings ähnlich ausgerichteter Einsatz für die Rechte der Afroamerikaner in den USA zeigen, dass man sich durchaus auch ohne militärische Gewalt gegen einen scheinbar stärkeren Gegner behaupten kann. Darüber hinaus sind Christen von einem Eingreifen Gottes überzeugt, dessen Möglichkeiten weit über denen jedes Staates und jeder Armee liegen. In einer von Sünde gekennzeichneten Welt verzichtet Gott in der Bibel allerdings nicht prinzipiell auf den Einsatz jeglicher Gewalt. Zumeist wird dabei aber nur relativ kurzzeitig Ordnung geschaffen. Eigentlich erstreben Christen ein Friedensreich, jenseits aller irdischen Strategien der Machterhaltung. Besonders konsequent haben sich in der Vergangenheit Mennoniten und Quäker für diesen ungewöhnlichen, asymmetrischen und bibelorientierten Umgang mit Gewalt und Militär eingesetzt.

Jeder, der in der momentanen politischen Lage immer umfangreichere Waffenlieferungen in die Ukraine befürwortet, sollte sich bewusst sein, dass er damit selbst immer stärker vom Beobachter zur Kriegspartei wird; zumal hier Waffen nicht nur geliefert, sondern oft gleich auch noch finanziert werden. Diese Waffen könnten längerfristig zu einer Befreiung der Ukraine von russischen Truppen führen. Sie könnten aber auch dazu beitragen, Zerstörung und Tod noch ziemlich lange Zeit auszudehnen. Außerdem sollte man nicht ganz außer Acht lassen, dass auch mit den aus Deutschland gelieferten Waffen von ukrainischen Soldaten Menschen getötet und Kriegsverbrechen verübt werden können.

Ein generelles Verbot, Waffen in die Ukraine zu liefern, kann allein aufgrund biblisch- ethischer Prinzipien kaum ausgesprochen werden. Allerdings sollte man die vielfältigen, oft auch unbeabsichtigten Wirkungen und Nebenwirkungen solcher Waffenlieferung sehr gut bedenken und nicht einfach nur aufgrund eines spontanen Mitgefühls mit den überfallen Ukrainern entscheiden. Mehr Waffen in Kriegsgebieten führen gewöhnlich auch zu deutlich mehr Toten und zu mehr Zerstörung. Eine unmittelbare Beteiligung weiterer Länder am Krieg zwischen Russland und der Ukraine würde höchstwahrscheinlich deutlich mehr Schaden anrichten als Nutzen.

(von Michael Kotsch)

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