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Konflikt der Generationen

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Seit ewigen Zeiten träumt man von einem friedlichen, sich gegenseitig achtenden und bereichernden Zusammenleben. Mancher sieht das in der Kommune Gleichgesinnter, ein anderer im staatlich erzwungenen Kommunismus und wieder andere in der harmonischen Großfamilie. Für den heute häufig in Westeuropa vereinzelt lebenden Menschen mag die Vorstellung eines solchen, friedlichen Zusammenlebens der Generationen attraktiv erscheinen. In der Realität früherer Jahrhunderte erwies sich das zumeist als deutlich problematischer. In den bäuerlich oder handwerklich geprägten Großfamilien gab es gewöhnlich große Spannungen. Oftmals wurden diese durch das Diktat des Familienoberhaupts unterdrückt. Immer wieder kam es aber auch zu schwerwiegenden Konflikten und tiefsitzender Verbitterung. Die Älteren wollten ihre Macht nicht abgeben und die Jüngeren warteten auf den Tod der Alten, um in Freiheit selbst entscheiden und ihre Ideen von Familie und Betrieb umsetzen zu können. Um Schlimmeres zu verhindern, bot man den Eltern oftmals ein abgetrenntes Altenteil an, in dem sie weiterhin nach ihren Vorstellungen leben konnten, während die Söhne für den Rest der Familie entschieden.

Auch in den biblischen Familien wird mehr oder weniger deutlich von Spannungen unter den Generationen berichtet. Zwischen Isaak und seinen beiden Söhnen Jakob und Esau scheint es mit zunehmendem Alter nur noch ein sehr distanziertes, entfremdetes Verhältnis gegeben zu haben. Statt Vertrauen und Solidarität dominieren Mistrauen und Betrug (1Mose 27). Samuel trauerte dem alten und von Gott bereits verworfenen König Saul nach, weil es ihm schwer fiel sich auf die veränderten Bedingungen einer neuen Generation einzustellen (1Sam 16, 1). Davids Söhne konnten es nicht abwarten, bis ihr Vater starb. Sie wollen schneller an die Macht und scheuten nicht einmal davor zurück, David gewaltsam abzusetzen (2Sam 15).

Am besten versteht man sich gewöhnlich mit den Menschen, die einem besonders ähnlich sind, bezogen auf Prägung, Interessen, Charakter, Lebensphase, politische Ausrichtung und Kultur. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Menschen aus verschiedenen Generationen in ihrem Zusammenleben häufig mit Problemen zu kämpfen haben, ganz gleich wo sie sich begegnen, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit, in der Familie oder in der Gemeinde. Ohne sich dessen auch immer bewusst zu sein redet, denkt und lebt man eben doch sehr unterschiedlich. Man wurde eben zu einer unterschiedlichen Zeit geprägt und durchläuft momentan eine ganz andere Lebensphase.

Mit den Menschen, die in derselben Generation groß geworden sind, verbindet einen viel mehr. Man hat dieselbe Musik gehört, dieselben Filme gesehen, dieselben Politiker gehört, über dieselben großen gesellschaftlichen Fragen nachgedacht, dieselbe Sprache mit ihren besonderen Lieblingsbegriffen gesprochen. Schon eine Generation später wird ganz anders geprägt, weshalb die Gemeinsamkeiten natürlich deutlich geringer ausfallen. Auch beschäftigen einen eben andere Fragen, wenn man nach der Schule seine Zukunft plant, nach einem Partner und einer Aufgabe fürs Leben sucht oder, wenn man sich auf den Lebensabend vorbereitet, seine Ruhe haben will und vor allem auf Sicherheit achtet. Man leidet auch an unterschiedlichen Dingen und muss unterschiedliche Probleme lösen.

Ältere Menschen reden häufiger über ihre Gesundet, weil sie durchschnittlich häufiger unter Krankheit leiden. Ihnen ist die Endlichkeit ihres Lebens deutlicher vor Augen als jungen Menschen. Zunehmend fühlen sie sich fremd in einer weitgehend veränderten Welt. Aufgrund ihrer körperlichen und mentalen Schwächen sehen sie sich und ihr Leben bedroht. Viele große Ziele liegen bereits hinter ihnen. Manches hat sich zwischenzeitlich als falsch oder undurchführbar erwiesen.

Junge Menschen fühlen sich häufig durch die Traditionen und Entscheidungen der Älteren eingeengt. Sie wollen die Welt verbessern und die Fehler ihrer Vorfahren vermeiden. Viele sind optimistisch, was Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit betrifft. Sie wollen Neues ausprobieren, betrachten Altes als hinderlich oder unverständlich. Junge Leute wollen oftmals das Leben genießen, in irgendeiner Weise Karriere machen  und Freunde gewinnen.

Sehr häufig fühlen sich alte Menschen von den jüngeren nicht wirklich ernst genommen. Alles was ihnen wertvoll ist, gilt plötzlich nichts mehr, wird nur noch als entbehrlicher Ballast interpretiert. Viele technischen Entwicklungen und politischen Meinungen sind ihnen fremd geworden. Junge Leute treten, ihrem Eindruck nach, viel zu selbstbewusst auf und scheinen alles, was die Älteren geleistet haben, kaum mehr wertzuschätzen. Ebenso haben die jüngeren Menschen oftmals den Eindruck, von den Älteren nicht als gleichwertig akzeptiert zu werden. Ständig will ihnen jemand sagen, was sie zu tun und zu denken haben. Alle ihre guten Ideen werden schnell aufgrund früherer Entscheidungen und Erfahrungen ausgebremst. Jüngere haben oft den Eindruck, als würden ihre Anliegen und Ideale vorschnell entwertet und als nebensächlich klassifiziert. Jede Generation meint von der anderen nicht richtig verstanden und gewürdigt zu werden.

Die häufigste Reaktion auf diese Unterschiedlichkeit der Generationen ist die Trennung. Jeder sucht nur noch nach Verständnis und Zustimmung bei der Gruppe der etwa Gleichaltrigen, die ähnlich geprägt sind, sich in einer ähnlichen Lebensphase befinden und ähnlich denken. Hier versteht man sich deutlich besser, kommt schneller auf ein von allen akzeptiertes Ergebnis. Gleichzeitig wachsen hierbei natürlich das Misstrauen und das Unverständnis für die Menschen anderer Generationen. Manchmal kann das sogar in verdeckter Feindschaft enden, wenn man sich nicht mehr freundlich aus dem Weg gehen kann. Dabei allerdings verpasst man die enormen Chancen gegenseitiger Bereicherung und notweniger Korrektur. Eigentlich brauchen sich die Generationen dringend, auch wenn sie sich immer wieder gegenseitig nerven. Das zumindest ist die Perspektive Gottes in der Bibel. Gott will eine gute, sich gegenseitig ergänzende Gemeinschaft über die Generationsgrenzen hinweg, in der Familie und auch in der Gemeinde (vgl. Tit 2).

Natürlich machen sich die Autoren der Bibel keine Illusionen über die vollkommen normalen Spannungen zwischen Menschen verschiedener Generationen. Es wir sogar fest damit gerechnet. Gerade deshalb werden Jüngere aufgefordert, die Älteren zu ehren und aufmerksam auf das zu hören, was sie aufgrund ihrer Erfahrung zu sagen haben (3Mose 19, 32; 5Mose 32, 7). Jüngere werden dann auch aufgefordert, den Älteren in ihrer zunehmenden körperlichen und geistigen Schwäche liebevoll beizustehen. Wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt oder wenn sogar einmal eine Ermahnung ansteht, dann sollen Jüngere Älteren gegenüber ganz besonders vorsichtig und mit entsprechender Ehrerbietung vorgehen, damit die Älteren sich nicht erniedrigt oder verachtet vorkommen und das notwendige Wort der Jüngeren deshalb in den Wind schlagen (1Tim 5,1).

Umgekehrt will Jesus, dass die Erwachsenen schon Kinder als eigenständige Personen wahrnehmen, mit einem eigenen Leben und einem eigenen Zugang zu Gott (Mt 18, 1-6). Grundsätzlich haben Eltern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder. Diese werden dann verpflichtet, den Eltern zu gehorchen. Gleichzeitig aber müssen die Eltern aufpassen, ihre Kinder nicht verbittern, weil sie sie ständig nur bevormunden, sie nicht wirklich ernst nehmen oder ihre Fragen und Bedürfnisse weitgehend ignorieren (Eph 6, 4). Auch im Beruf, bzw. in der Gemeindearbeit werden die Älteren ermahnt, junge Gläubige nicht abzuwerten, weil auch sie von Gott gebraucht werden und wichtiges beizutragen haben. Paulus fordert auf, seinen damals etwa 30 Jahre alten Mitarbeiter Timotheus, nicht aufgrund seiner relativen Jugend zu verachten (1Tim 4,12).

In Wirklichkeit brauchen sich die Generationen, gerade aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Natürlich führt das immer wieder auch zu Reibungen, Missverständnissen und Diskussionen. Die aber gilt es bestmöglich zu bewältigen, seine eigene Einseitigkeit zu erkennen und den Blick zu weiten für die Menschen anderer Generationen. Die Gemeinde braucht die Erfahrung, die Ausdauer und die stellenweise auch vorhandene Weisheit, die ohne ein langes Leben kaum zu erreichen sind. Die Gemeinde braucht aber auch die neuen Ideen, den Idealismus, die Begeisterungsfähigkeit der Jungen, um voran zu kommen, um trotz negativer Erfahrungen  einen nächsten Anlauf zu versuchen, um notwenige Risiken einzugehen und um Menschen mit den Fragen der Jungen gerecht werden zu können.

Der einfachere Weg ist es, immer allem Fremden aus dem Weg zu gehen, sich nur noch auf die relativ gleich gesinnten Menschen der eigenen Generation zu konzentrieren. Der notwenige, biblische und schlussendlich auch bereichernde Weg aber, ist das miteinander Denken und Leben. Das geschieht natürlich nicht automatisch, sondern muss immer wieder neu gewollt und erarbeitet werden.

Wer die anderen Generationen nicht nur als Belastung oder Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrnehmen will, der sollte zuerst damit beginnen, für konkrete Menschen zu beten, die sich gerade in einer anderen Lebensphase befinden. Es gilt, jeden Tag wenigstens kurz die besonderen Anliegen und Fragen der anderen Generation vor Gott zu bringen, auch wenn man diese nur bedingt selbst nachempfinden kann. Diese Gebete werden das eigene Denken ebenso sicher verändern, wie die realen Beziehungen in der Gemeinde.

Dann gilt es, eigene Gewohnheiten zu überwinden und selbst den ersten Schritt zu machen. Man kann beispielsweise nach einer Veranstaltung auf die Menschen einer anderen Generation zugehen, die man gewöhnlich nur freundlich aus der Distanz beachtet. Jetzt gilt es vor allem zuzuhören, sowie interessiert nachzufragen, zu versuchen, sich in ihre besondere Lebenslage hineinzuversetzen. Dadurch werden dann neue Beziehungen entstehen, ein neues Verständnis wird wachsen und man weiß konkreter, wofür man in der kommenden Woche beten kann. Intensiver wird ein solcher Kontakt natürlich, wenn man noch mehr Zeit investiert und einen Menschen aus einer anderen Generation zum Essen oder zum Kaffee einlädt, um ihn, seine Gedanken und seine Lebensgeschichte etwas genauer kennenzulernen.

Oft wird man im Rahmen solcher Aktionen erkennen, dass der andere interessanter und vielfältiger ist, als man das bisher gedacht hatte. Zumeist merkt man dann auch schnell, dass einen selbst über die Generationsgrenzen hinweg grundlegende Erfahrungen verbinden, aus dem Glauben, Situationen der Angst, der Verletzung, des Glücks usw. Diese Empfindungen kann man teilen, Mitgefühl aussprechen und anderen weiterhelfen. Wenn sich die Beziehungen vertiefen, können daraus Verbindungen entstehen, von denen beide Generationen profitieren. Ältere freuen sich an der Frische und dem Optimismus der Jüngeren. Ältere können die Jüngeren ermutigen, ihnen Mut für die Zukunft machen, ihnen aus ihrer Erfahrung konkrete und praktikable Tipps für deren Glaubensleben oder ihre Verantwortung in der Gemeinde geben, ohne sich dabei aufzudrängen. In einer Zeit des Egoismus und der Vereinzelung, in der gescheiterte Beziehungen eher der Normalfall, als die Ausnahme darstellen, können Christen mit gutem Willen und mit der Kraft Gottes gelingende Beziehungen leben, die gegenseitig bereichern und Gott verherrlichen, auch zwischen den Generationen.

(von Michael Kotsch)

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